Die Themen diese Woche:
- Italien bereitet die Rückkehr zur Atomkraft vor und läuft der Schweiz den Rang ab
- Mit dem Geld für die Reservekraftwerke wäre schon fast ein halbes AKW gebaut
- Ein renommierter Klimaforscher betreibt Publikumsbeschimpfung
- Umweltorganisationen sind dafür, dass für Windräder Wälder zerstört werden
Italien bereitet die Rückkehr zur Atomkraft vor und läuft der Schweiz den Rang ab
Worum geht es?
- Der Nationalrat hat gestern Montag beschlossen, noch nicht über die Streichung des Nebauverbot für Kernkraftwerke zu entscheiden, und hat den entsprechenden Vorschlag an den Bundesrat zurückgewiesen. Dieser soll nun Informationen zur Finanzierung neuer KKW liefern, obwohl das zum jetzigen Zeitpunkt, wo neue Kernkraftwerke weiterhin verboten sind, eigentlich unsinnig ist (siehe hier).
- Eine analoge Diskussion über die Atomenergie findet derzeit in Italien statt. Dort hat die Abgeordnetenkammer des Parlaments vor einigen Tagen jedoch ein Rahmengesetz für die Rückkehr zur Nuklearenergie gutgeheissen. Damit soll es dem Land ermöglicht werden, wieder Kernkraftwerke zu betreiben (siehe hier und hier).
- Italien hatte bis in die 1980er-Jahre vier AKW in Betrieb, bevor diese aber nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 sukzessive vom Netz genommen wurden.
- Das neue Gesetz wurde auf Antrag der Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni lanciert.
- Stimmt in Italien auch der Senat als kleine Parlamentskammer dem Rahmengesetz zu, ist es an der Regierung, die konkreten Bestimmungen für neue KKW auszuarbeiten.
- Das italienische Parlament macht im Gegensatz zum schweizerischen also vorwärts mit der Kernenergie. Zudem: Während es hierzulande erst um die Streichung des gesetzlichen Neubauverbots geht und bisher keine Pläne für neue KKW existieren, will die italienische Regierung Nägel mit Köpfen machen.
- «Heute haben wir damit begonnen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass das Land bereit ist, nachhaltige Kernenergie einzusetzen, sobald die neuen Technologien, auf die wir setzen, ausgereift und verfügbar sind», sagte Energieminister Gilberto Pichetto Fratin. Das sei voraussichtlich «zu Beginn des kommenden Jahrzehnts» der Fall.
- Konkret setzt die Regierung Meloni auf sogenannte Small Modular Reactors (SMR), also Mini-Reaktoren, die modulmässig zusammengebaut werden und sich derzeit im Entwicklungsstand befinden. Laut Pichetto Fratin könnte Italien bereits 2034 oder 2035 wieder Atomstrom produzieren.

Kommentar: Italien droht der Schweiz bei der Atomenergie den Rang abzulaufen. Während es hierzulande auch bei einer Streichung des AKW-Neubauverbots wohl noch viele Jahre dauert, bis möglicherweise der Bau von Ersatz-Kernkraftwerken in Angriff genommen wird, hegt Italien bereits konkrete Pläne. Zwar kann man Zweifel haben, dass es dem südlichen Nachbar trotz jahrzehntelanger Atom-Abwesenheit gelingt, schon bis Mitte der 2030er-Jahre SMRs ans Netz zu bringen. Doch die Regierung scheint immerhin fest entschlossen dazu zu sein. Da kann man nur sagen: Hopp Schwiiz! Was Rom zustande bringt, sollte doch auch Bern schaffen.
Mit dem Geld für die Reservekraftwerke wäre schon fast ein halbes AKW gebaut
Worum geht es?
- Das gab es wohl noch nie: Der Bundesrat will 2,3 Milliarden Franken ausgeben für den Bau von Kraftwerken, von denen er hofft, dass sie nie in Betrieb genommen werden.
- Konkret geht es um einen Kredit, den die Regierung letzte Woche dem Parlament für sogenannte Reservekraftwerke beantragt hat (siehe hier und hier). Diese sollen in Stein (AG), Eiken-Sisslerfeld (AG) und Auhafen Muttenz (BL) erstellt werden. Das bereits bestehende Notkraftwerk in Monthey (VS) soll weiterlaufen.
- Die totale Leistung dieser vier Kraftwerke ist 583 Megawatt – etwa halb so viel wie das Kernkraftwerk Gösgen (siehe hier). Der Beschluss ist auf Antrag von Energieminister Albert Rösti (SVP) erfolgt.
- Der Bundesrat begründet den Betrag von 2,3 Milliarden Franken mit den gewachsenen Risiken für die Stromversorgung. Die Reservekraftwerke, die gemäss den Plänen mit klimaneutralem Treibstoff betrieben werden, sollen ab 2030 während 15 Jahren sicherstellen, dass es in der Schweiz nicht zu einer Strommangellage mit verheerenden volkswirtschaftlichen Verlusten kommt.
- Im Idealfall sind die Kraftwerke aber nie im Einsatz. Somit stellen sie eine milliardenteuere Stromversicherung für die Schweiz dar. Sie lösen provisorische Notkraftwerke ab, die in den letzten Jahren in aller Eile gebaut worden sind und bereits viele hundert Millionen Franken gekostet haben.
- Der Bundesrat handelt gemäss den Empfehlungen der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (Elcom), die ab 2030 eine Reservekapazität von mindestens 500 Megawatt angemahnt hat. Die Kommission schätzt den Reservebedarf ab 2035 sogar auf 700 bis 1400 Megawatt. Auf die Schweizer Stromkonsumenten, welche die Kosten tragen müssen, kommen also wohl noch höhere Rechnungen zu.
Kommentar: Nirgendwo sonst zeigt sich das Versagen der Schweizer Energiepolitik so gegenständlich wie bei den geplanten Reservekraftwerken. Jahrzehntelang haben die tonangebenden politischen Kräfte die Warnungen vor einer Stromlücke weggelächelt und als Angstszenarien der «Atomlobby» abgetan. Hätte die Schweiz die Warnungen aber ernst genommen und frühzeitig zusätzliche Kernkraftwerke bereitgestellt – etwa in Kaiseraugst und Graben –, wären keine Lückenbüsser-Kraftwerke nötig. Jetzt aber muss man tief ins Portemonnaie greifen für Reservekraftwerke, die womöglich nie eine einzige Kilowattstunden ins Netz einspeisen. Mit den 2,3 Milliarden Franken könnte man schon fast ein halbes Kernkraftwerk finanzieren, das während 60, 70 oder sogar 80 Jahren zuverlässigen Bandstrom liefert.
Ein renommierter Klimaforscher betreibt Publikumsbeschimpfung
Worum geht es?
- Stefan Rahmstorf ist einer der bekanntesten Klimaforscher Deutschlands – sozusagen das Gegenstück zu unserem Reto Knutti. Rahmstorf arbeitet für das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), das regelmässig mit Horrorszenarien in Sachen Erderwärmung Schlagzeilen macht (siehe hier).
- Rahmstorf selbst ist bekannt dafür, dass er immer wieder in scharfem Ton über sogenannte Klimaskeptiker herzieht, die der Rettung der Welt angeblich im Wege stehen. Vor einigen Tagen hat er nun seinem Ärger in einem Interview mit dem österreichischen Magazin «Datum» Luft verschafft (siehe hier).
- Er beklagte sich dabei über den «Lobby-Einfluss der fossilen Energiewirtschaft», über «Desinformationskampagnen» und «rechtspopulistische Bewegung», die den Klimawandel noch immer «leugnen» würden. Bei der ersten Wahl von Donald Trump als US-Präsident habe er geweint, gestand Rahmstorf: «Ich war einfach fertig.»
- Und dann setzte Rahmstorf zu einer eigentlichen Publikumsbeschimpfung an. Als junger Wissenschaftler sei für ihn unverständlich gewesen, dass die Weltgemeinschaft trotz «klarer Faktenlage» nicht gegen die Erderwärmung vorgehe. «Ich halte die Menschen nicht für schlecht oder so. Aber mir war nicht klar, wie anfällig sie für Propaganda und Desinformation sind. Und gerade Rechtspopulisten sind extrem effektiv darin, mit den Emotionen der Menschen zu spielen und ihre Ängste zu triggern.»
- Auf die Bemerkung des Interviewers, ob er die Menschen in dem Fall für naiv halte, antwortete Stefan Rahmstorf: «Das nicht. Aber ich habe erst im Laufe der Jahre gemerkt, dass die Mehrheit der Menschen einfach nicht so tickt wie wir Wissenschaftler. Ich dachte, man muss einfach die Fakten präsentieren, gute Grafiken mit den Datenkurven erstellen – und das überzeugt die Menschen.»
- Aber die Wissenschaftler hätten eben viele Jahr Ausbildung, in denen sie lernten, Evidenzen abzuwägen, auf Daten zu schauen und Fakten kritisch zu hinterfragen, fuhr der Klimaforscher fort. «Der Normalbürger macht das weniger, sondern reagiert eher auf Narrative und Geschichten, die emotionalisieren und plausibel klingen. Und das nutzen die Propagandisten aus.»
Kommentar: Was Stefan Rahmstorf hier von sich gegeben hat, lässt sich so zusammenfassen: «Wir gescheiten Wissenschaftler versuchen dem Volk beizubringen, wie schlimm der Klimawandel ist. Aber die Menschen sind zu dumm und zu ungebildet, als dass sie es kapieren würden. Darum gehen sie bösen Gestalten auf den Leim.»
Nun ja, ich kann den Ärger von Rahmstorf nachvollziehen. Gerade in letzter Zeit haben Apokalyptiker wie er spürbar an Einfluss verloren. Das Volk hat allmählich genug vom ständigen Katastrophengedröhn und ahnt, dass die angemahnte Klimapolitik zu seinem Schaden wäre. Kurz gesagt: Stefan Rahmstorf sieht seine Felle davonschwimmen. Und das entsetzt ihn natürlich.
Um zum Schluss noch dies:
Letzte Woche hat der Bundesrat bekannt gegeben, dass er zwei Initiativen, die sich gegen Windräder richten, ablehnt (siehe hier). Es geht einerseits um die Gemeindeschutz-Initiative, die verlangt, dass die Standortgemeinden immer ihre Zustimmung zu einem Windpark geben müssen. Andererseits handelt es sich um die Waldschutz-Initiative, die den Bau von Windkraftanlagen in Wäldern untersagen will. Beide Volksbegehren wurden im letzten Sommer von den Landschaftsschützern des Verbandes Freie Landschaft Schweiz eingereicht (siehe hier).
Gegen die Initiative ist aber nicht nur die Regierung, sondern unter anderem auch eine ganze Reihe von Umweltverbänden – insbesondere Pro Natura, WWF, Greenpeace und BirdLife (siehe hier). Sie haben sich Anfang Juni zur sogenannten Umweltallianz gegen die beiden Initiativen zusammengefunden.
Diese Verbände sind also dafür, dass Windturbinen, die über 200 Meter hoch sind, mitten in Wäldern gebaut werden können. Dafür muss pro Turbine hektarweise Wald gerodet werden. Es müssen befestigte Strassen für den Transport des Materials und der Rotoren erstellt werden. Schliesslich müssen die Sockel aus vielen Tausend Tonnen Beton in den Boden gelassen werden. Und wenn diese Windrad-Ungetüme einmal in Betrieb sind, töten sie mit ihren drehenden Rotoren unablässig Vögel, Fledermäuse und andere Tiere. Das alles geschieht, obwohl am Ende doch nur Flatterstrom entsteht, von dem man nie weiss, ob er kommt oder wegen Flaute einmal mehr ausfällt.
Dabei weinen diese Umweltverbände normalerweise jeder Blume nach, die unter die Räder kommt. Ich finde, man sollte sie ab sofort nicht mehr Umweltschutz-Organisationen, sondern Umweltzerstörungs-Organisationen nennen.
Mein Newsletter liefert Ihnen jede Woche wichtige und interessante Informationen aus einem der wichtigsten Politik- und Forschungsbereiche. Als Wissenschaftsredaktor lege ich den Finger vor allem auf die Entwicklungen, die andere Medien unter dem Deckel halten.
Der Newsletter kann hier abonniert werden.
Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen, Kommentare und Anregungen.
Alex Reichmuth
alex.reichmuth@nebelspalter.ch