Die Themen diese Woche:
- Die Leistung der neu installierten Schweizer PV-Anlagen hat sich innerhalb von zwei Jahren halbiert
- Fehlender Solar- und Windstrom verursacht Rekord-Strompreise mitten im Sommer
- Aufhebung des AKW-Neubauverbots ist auch für den Atom-Langzeitbetrieb wichtig
- Die deutsche Stadt Mannheim beerdigt die angestrebte Klimaneutralität 2030
Die Leistung der neu installierten Schweizer PV-Anlagen hat sich innerhalb von zwei Jahren halbiert
Worum geht es?
- In der Schweiz werden derzeit nur noch halb so viele Solaranlagen installiert wie noch vor zwei Jahren. Seit 2024 hat sich die Leistung neuer Photovoltaik von rund 150 Megawatt pro Monat auf noch 75 bis 80 Megawatt verringert. Darüber hat die NZZ berichtet (siehe hier).
- Bereits letztes Jahr hat die Leistung neu installierter PV-Anlagen gegenüber 2024 um 17 Prozent von 1,8 auf 1,5 Gigawatt abgenommen (siehe hier). Dieser Rückgang hat sich nun rasant fortgesetzt.
- Besonders Privathaushalte sind deutlich weniger daran interessiert, Photovoltaik-Anlagen zu montieren: Seit 2024 ist die Zahl der Gesuche für einen Zuschuss für Installationen auf Einfamilienhäusern von monatlich 5000 bis 6000 auf mittlerweile noch gut 2600 Anträge zurückgegangen – eine Reduktion um mehr als 50 Prozent.
- Die Solarbranche wird damit auf dem falschen Fuss erwischt. Jahrelang boomte das Geschäft mit PV-Anlagen und regelmässig wurden neue Rekorde verzeichnet – etwa infolge des Ukrainekrieges und der nachfolgenden Energiekrise. Noch im letzten Sommer gab sich der Branchenverband Swissolar zuversichtlich, dass sich der Markt 2026 stabilisieren und anschliessend wieder wachsen wird. Bereits im Dezember war dann nur noch davon die Rede, dass sich der Zubau in den nächsten Jahren auf dem dannzumaligen Niveau einpendeln würde. Doch selbst das entpuppt sich nun als Wunschdenken.
- Der Rückgang des Marktes hat bereits Konsequenzen, sind doch in den letzten Monaten zahlreiche Solarfirmen wegen fehlender Aufträge pleite gegangen (siehe hier).
- Swissolar-Präsident Jürg Grossen machte gegenüber der NZZ Albert Rösti (SVP) für den Rückgang des Solargeschäftes verantwortlich. Mit seinem Vorschlag zur Streichung des AKW-Neubauverbots, zu dem vor kurzem das Parlament Ja gesagt hat (siehe hier), habe der Bundesrat für negative Investitions-Impulse im Solarmarkt gesorgt, behauptete der GLP-Präsident.
- Allerdings gibt es denselben Abwärtstrend auch in Deutschland. Dort ist der Zubau neuer Solarmodule auf Hausdächern seit 2023 um 40 Prozent zurückgegangen (siehe hier). Allein im ersten Halbjahr 2026 wurde ein Rückgang von 12 Prozent verzeichnet. Weil aber in Deutschland weiterhin viele grosse Solaranlagen auf dem freien Feld installiert werden, bleibt der totale PV-Zubau in Deutschland vorläufig noch fast konstant.

Kommentar: Es schleckt keine Geiss weg: Der Boom auf dem Schweizer Solarmarkt ist vorbei. Die Erwartung, dass dieses Geschäft Jahr für Jahr weiter ansteigt, war naiv. Jetzt müssen die Photovoltaik-Fans froh sein, wenn ihr Business nicht noch völlig einbricht. Damit sind auch die PV-Ausbauziele der Schweiz für die nächsten Jahre Makulatur. Die Politik muss darum über die Bücher gehen und die Energiestrategie nachjustieren. Ohne neue AKW wird es nun erst recht nicht gehen.
Fehlender Solar- und Windstrom verursacht Rekord-Strompreise mitten im Sommer
Worum geht es?
- Am Dienstag, 23. Juni, abends um 20.45 Uhr, kostete eine Megawattstunde Strom in Belgien 1038 Euro. Das war neuer Rekord (siehe hier, hier und hier).
- Auch in den Niederlanden (902 Euro pro Megawattstunde), Dänemark (787 Euro) und Deutschland (747 Euro) wurden zu diesem Zeitpunkt rekordhohe Strompreise am Spotmarkt verzeichnet. Normalerweise liegen die Preise zwischen 60 und 80 Euro pro Megawattstunde.
- Der Grund für diese Höchstpreise war, dass die erneuerbare Energie an diesem Abend praktisch vollständig ausfiel: Wegen der anbrechenden Nacht sank die Solarstrom-Produktion schnell auf null, während die Windräder wegen Flaute fast alle stillstanden.
- Gleichzeitig wurde aber viel Strom nachgefragt: An diesem heissen Sommertag war der Bedarf nach Kühlung bei den Haushalten und dem Gewerbe hoch – auch am Abend noch.
- Es mussten schliesslich notfallmässig fossile Kraftwerke einspringen, um genügend Strom zu haben. Ohne Kohle- und Gaskraftwerke wäre die Versorgung wohl zusammengebrochen. Trotzdem trieb der Engpass die Preise auf Rekordniveau.
- Die Preissprünge werden als Folge der Energiepolitik in Europa erachtet: Sichere Grundlast-Kraftwerke, die mit Uran, Gas oder Kohle funktionieren, werden in den betroffenen Ländern immer mehr zurückgebaut. Gleichzeitig ist die Erzeugung von Wind- und Solaranlagen volatil und fällt regelmässig aus.
- Erst vor kurzem verzeichnete Mitteleuropa Preisausschläge in die andere Richtung: Am 1. Mai wurde in Deutschland ein Negativpreis von fast 500 Euro pro Megawattstunde registriert (siehe hier). Auch das war Rekord. Damals fluteten voll produzierende Solaranlagen das Netz mit Sonnenstrom, während die Nachfrage der Industrie nach Elektrizität an diesem Feiertag reduziert war.
Kommentar: Die Stromversorgung Europas ist immer mehr von Flatterstrom geprägt. Und Flatterstrom führt eben auch zu Flatterpreisen – sogar mitten im Sommer: Einmal kostet der Strom rekordmässig viel. Dann wieder muss rekordmässig viel bezahlt werden, damit er überhaupt abgenommen wird. Namentlich für grosse Industriebetriebe sind solche Preissprünge ein Problem, wirken sich diese doch schnell finanziell ruinös aus. Oh schöne neue Energiewelt!
Aufhebung des AKW-Neubauverbots ist auch für den Atom-Langzeitbetrieb wichtig
Worum geht es?
- Vor wenigen Tagen hat der Nationalrat mit knapper Mehrheit Ja gesagt zur Streichung des Verbots neuer Kernkraftwerke in der Schweiz, das seit 2017 gesetzlich verankert ist (siehe hier).
- Weil vorher auch der Ständerat seine Zustimmung zum Vorschlag des Bundesrat gegeben hat, steht nun einer Volksabstimmung nichts mehr im Weg. Diese findet voraussichtlich im nächsten Februar statt.
- Wird das AKW-Neubauverbot tatsächlich aufgehoben, bekommt die Schweiz nicht nur die Option, irgendwann wieder neue Reaktoren zu errichten. Die Streichung ist auch für den Langzeitbetrieb der beiden bestehenden grossen Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt wichtig. Vor kurzem kam der Bundesrat in einem Bericht zum Schluss, dass ein 80- statt nur 60-jähriger Betrieb dieser beiden Werke aus technischer Sicht möglich ist, sofern sie nachgerüstet werden (siehe hier).
- Doch für den Langzeitbetrieb braucht es das notwendige Fachpersonal – dies umso mehr, weil dieser Betrieb mit zunehmendem Alter der Reaktoren anspruchsvoller wird.
- Junge Leute werden sich aber kaum für eine berufliche Laufbahn in der Kernkraft-Industrie entscheiden, wenn das AKW-Neubauverbot bestehen bleibt – selbst wenn die bestehenden KKW noch einige Jahre am Netz bleiben. «Welcher junge Mensch beginnt heute eine Karriere, nur um das Ende einer alten Anlage zu verwalten, wenn es in Frankreich viel spannendere Jobs bei der Entwicklung neuer Reaktoren gibt?», betonte Andreas Pautz, Professor für Kernphysik am Paul-Scherrer-Institut, gegenüber der NZZ (siehe hier).
- Beharrt das Volk also auf dem AKW-Neubauverbot, muss man mit negativen Konsequenzen schon in den nächsten Jahren rechnen. «Ein solcher Schritt würde einen Langzeitbetreib über 60 Jahre hinaus infrage stellen», sagt Pautz.
- Im schlimmsten Fall wäre also in Gösgen schon 2039 und in Leibstadt 2044 Schluss mit der Stromproduktion. Das könnte verheerende Folgen für die Schweizer Stromversorgung haben
Kommentar: Es ist völlig klar: Das AKW-Neubauverbot im Gesetz muss weg. Und die Chance, dass das Volk dem auch zustimmt, sind intakt (siehe hier). Denn die meisten Leute werden einsehen, dass dieses Verbot in jeglicher Hinsicht unsinnig ist – für die gegenwärtige wie für die künftige Stromversorgungs-Sicherheit.
Um zum Schluss noch dies:
Und wieder ist ein geplatztes Klimaziel zu vermelden: Die deutsche Stadt Mannheim mit über 300’000 Einwohnern hat vor wenigen Tagen offiziell Abstand genommen vom Ziel, bis 2050 das Netto-Null-Ziel zu erreichen (siehe hier und hier). Dieses Ziel war 2022 verkündet worden. Man wolle als «Pilotstadt» vorangehen, ist auch jetzt noch auf der Webseite von Mannheim zu lesen (siehe hier).
Möglich sollte das werden, indem der CO₂-Ausstoss der Stadt, die von Industrie geprägt ist, bis 2030 um 80 Prozent abnimmt. Inzwischen ist man aber erst bei einem Minus von 40 Prozent. Es müsste also ab sofort jedes Jahr um zehn Prozentpunkte rückwärts gehen beim Klimagas-Ausstoss. Sogar der Stadtregierung ist aber klar geworden, dass das unmöglich ist. Es fehle an Geld, an Personal und an ausreichenden Eingriffsmöglichkeiten, gab diese zu.
Eine Überraschung ist das nicht. Schon 2022 hätte man wissen können, dass die sogenannte Klimaneutralität in einer modernen Gesellschaft schlicht nicht realistisch ist – weder 2030, 2040 noch später. Die dänische Hauptstadt Kopenhagen etwa verkündete vor 13 Jahren, sogar bis 2025 klimaneutral zu werden. Auch sie ist kolossal gescheitert (siehe hier).
In der Schweiz will Basel das Netto-Null-Ziel bis 2037 erreichen. Zürich soll 2040 soweit sein. Auch diese Städte werden die Ziele verpassen – nur dauert es wohl noch einige Jährchen, bis das auch eingestanden wird. Vielleicht ist bis dann der Klimahype soweit abgeklungen, dass es auch kaum mehr jemanden interessiert.
Mein Newsletter liefert Ihnen jede Woche wichtige und interessante Informationen aus einem der wichtigsten Politik- und Forschungsbereiche. Als Wissenschaftsredaktor lege ich den Finger vor allem auf die Entwicklungen, die andere Medien unter dem Deckel halten.
Der Newsletter kann hier abonniert werden.
Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen, Kommentare und Anregungen.
Alex Reichmuth
alex.reichmuth@nebelspalter.ch