Die Ausgangslage: Die Schweizerische Energiestiftung (SES) hat behauptet, der Wasserkraft in unserem Land würde jährlich bis zu einer Milliarde Franken an Einnahmen entgehen, wenn neue Kernkraftwerke gebaut würden. Die Warnung kam pünktlich zum Beginn der Debatte im Nationalrat über die Streichung des AKW-Neubauverbots.
Warum das wichtig ist: Die Wasserkraft ist mit einem Anteil von rund 60 Prozent der wichtigste Teil der Schweizer Stromversorgung. Keine andere Energieform geniesst in der Bevölkerung eine so hohe Akzeptanz. Darum tönt es bedrohlich, wenn ausgerechnet den Stausee- und Wasserkraftwerken so viele Einnahmen fehlen könnten, falls sich die Schweiz für neue KKW entscheidet.
Das Zitat: «Der Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz würde die Wasserkraft als Rückgrat der Schweizer Stromversorgung massiv schwächen.» (Medienmitteilung der SES am 3. Juni 2026, siehe hier)

Die Behauptungen der SES (siehe hier):
- Die Energiestiftung stützt sich in ihrer Argumentation auf eine Studie der Fachhochschule Wallis.
- Sie schreibt, neue Atomkraftwerke seien ohne jahrelange staatliche Subventionen «in einem Marktumfeld von Erneuerbaren» nicht konkurrenzfähig. «Um die hohen Gestehungskosten zu decken, ist eine Finanzierung ausserhalb des Marktes zwingend.» Neue AKW bräuchten darum Preisgarantien über Jahrzehnte.
- Subventionierte Preise für Atomstrom würden aber den Strommarkt verzerren. «Neue Atomkraftwerke würden die Grosshandelspreise systematisch drücken.» Bisherige Marktteilnehmer wie Wasserkraftwerke würden dadurch geschwächt.
- Die SES geht davon aus, dass Laufkraftwerke am stärksten getroffen würden, da diese kaum steuerbar sind. Die Stiftung geht von Verlusten von 29 bis 42 Prozent der Erlöse aus, was jährlich zwischen 300 und 440 Millionen Franken ausmache.
- Die Speicherkraftwerke würden, da sie flexibler einsetzbar sind, weniger stark unter neuen AKW leiden, aber mit Verlusten von 15 bis 19 Prozent der Erlöse immer noch heftig. Weil es in der Schweiz sehr viele Speicherkraftwerke gibt, würden sich die Verluste auf 450 bis 600 Millionen Franken pro Jahr summieren.
- Selbst die Pumpspeicherkraftwerke würden trotz ihrer hohen Flexibilität zwischen vier und 13 Prozent ihrer Einnahmen verlieren, was konkret weitere zwei bis elf Millionen Franken ausmachen würde.
- Insgesamt drohten Umsatzeinbussen von bis zu einer Milliarde Franken im Jahr.
- Die Stiftung warnt zudem, dass die Bergkantone Wallis, Tessin und Graubünden besonders betroffen wären: «Sie sind in hohem Masse auf Einnahmen aus der Wasserkraft angewiesen.»
- Das Resultat wäre, dass die Politik auch die Wasserkraft stärker subventionieren müsste, um die Existenz der Lauf- und Speicherkraftwerke zu sichern. Darum: «Neue Atomkraftwerke sind ein teures Risiko für die Schweiz.»
Das sagt die Axpo dazu: Die Axpo ist einerseits Betreiberin des KKW Beznau und Mitbetreiberin der KKW Gösgen und Leibstadt. Andererseits ist der Stromkonzern der grösste Produzent von Wasserstrom in der Schweiz. Ihm gehört etwa das grosse Pumpspeicherkraftwerk Limmern im Kanton Glarus. Die Axpo hat darum wohl über so viel Erfahrung zu beiden Stromarten wie sonst kein Unternehmen in der Schweiz. Auf die Behauptungen des SES reagiert die Axpo auf Anfrage so:
- Subventionierung sei kein Alleinstellungsmerkmal der Kernenergie. «Alle Technologien zur Stromproduktion müssen staatlich unterstützt werden.»
- Jeglicher Zubau an Stromproduktion in Europa – egal welcher Technologie – dämpfe grundsätzlich die Preise am Strommarkt.
- Die Schweiz sei am europäischen Strommarkt ein «Preisnehmer». Das bedeutet, dass die Aktivitäten des Landes wegen seiner geringen Grösse nur einen sehr begrenzten Effekt auf die Strompreise haben. «Die genannte Auswirkung [von neuen Kernkraftwerken] ist somit klar überschätzt.» Ausserdem hätten andere Technologien einen ähnlichen Effekt.
- Am meisten würden Wasserkraftwerke, wenn schon, unter negativen Strompreise am europäischen Markt leiden. Diese würden vor allem von Deutschland mit seinen vielen Wind- und Solaranlagen verursacht. Bei negativen Preisen müssen die Produzenten sogar noch Geld bezahlen, damit dieser abgenommen wird.
- Im Übrigen müssten auch bestehende Kernkraftwerke wegen des zeitweiligen Überangebots an Sonnen- und Windstrom tiefere Umsätze in Kauf nehmen.
- Wie die Tiefpreisphase der 2010er-Jahre gezeigt habe, fliesse der Wasserzins selbst dann zuverlässig an die Bergkantone, wenn Wasserkraft unwirtschaftlich ist. Es sei darum falsch, dass die kantonalen Finanzen aufgrund ausbleibender Wasserzinsen leiden würden.
- Die zugrunde liegende Studie der Fachhochschule Wallis würde zudem Ergebnisse von Spanien auf die Schweiz übertragen. Dieser Vergleich sei aber ungeeignet, da der spanische Strommarkt im Gegensatz zum Schweizer Strommarkt kaum mit dem Ausland vernetzt sei.
Meine Kommentare: Aus diesen Gründen ist die Argumentation der SES irreführend:
- Jede zusätzliche Produktionskapazität senkt die Strompreise. Denn mehr Angebot führt in jeder Marktwirtschaft grundsätzlich zu sinkenden Preisen. Und das ist auch gut so, schliesslich möchten die Bevölkerung und Wirtschaft von möglichst tiefen Energiepreisen profitieren.
- Es ist zwar richtig, dass neue Atomkraftwerke kaum ohne staatliche Garantieren und Zuschüsse entstehen können. Aber wie die Axpo richtig festhält, geniessen mittlerweile alle Stromarten Subventionen. Wenn die Kernenergie als einzige Form der Stromerzeugung nicht subventioniert wird, kann sie logischerweise auch nicht bestehen.
- Zu schaffen machen den Stromproduzenten derzeit nicht allgemein tiefe Preise, sondern vor allem Phasen mit negativen Preisen. Diese können sich verheerend auf die Umsätze auswirken. Die wichtigste Ursache negativer Preise ist die flatterhafte Produktion von Windrädern und Solaranlagen, von denen es in Europa immer mehr gibt: Manchmal produzieren sie viel mehr als nötig, manchmal wegen Dunkelheit und Flaute aber fast nichts. Wenn schon, führen Wind- und Solarstrom zu sinkenden Erträgen bei den Wasserkraft-Betreibern.
- Und ja, die Strompreise werden heute europaweit festgelegt. Ein oder zwei neue AKW in der Schweiz machen da keinen grossen Unterschied bezüglich des Stromangebots aus.
Fazit: Nice try! Die Energiestiftung hat einen ziemlich durchsichtigen Versuch unternommen, die Atomkraft zu diskreditieren. In Wahrheit sind es die von der SES unablässig propagierten und hoch subventionierten Stromarten Sonne und Wind, welche die Wasserkraft in Nöte bringen können. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.
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