Die Fakten: Das Parlament streicht das AKW-Verbot im Kernenergiegesetz. Es dürfen wieder AKWs gebaut werden.
Warum das wichtig ist: Die Linke tobt. Das ist ein gutes Zeichen. Wer tobt, hat keine Argumente.
Kommt es einem Verfassungsbruch gleich, wenn ein paar übermotivierte SVP-Nationalräte vor einer Abstimmung einen Fraktionskollegen bestürmen, belagern, bedrängen, um ihn zu bewegen, ja richtig zu stimmen? Jedenfalls behauptet das eine erboste Linke:
- Tatsächlich ist das dem Genfer Nationalrat Daniel Sormanni widerfahren, der zwar der SVP-Fraktion angehört, aber nicht dieser Partei. Vielmehr ist er ein Vertreter des rechten Mouvement Citoyen Genevois (MCG).
- Statt sich zu enthalten, sollte er nun unbedingt den Gegenvorschlag von SVP-Bundesrat Albert Rösti zur Blackout-Initiative unterstützen. Es war Donnerstag, und es ging um die Wurst. Auf zwei, drei Stimmen kam es an, um einen Entscheid umzustossen, den der Nationalrat am Montag gefällt hatte – und der faktisch darauf hinauslief, die ganze (dringende) Sache erneut zu verschleppen.
- Jetzt stimmte Sormanni richtig. Und mit ihm die Freisinnige Jacqueline de Quattro aus der Waadt, die sich am Montag ebenfalls enthalten hatte, sowie der Mitte-Vertreter aus Genf, Vincent Maitre.

Mit der Folge, dass die Linke eine der bittersten Niederlagen der jüngsten Vergangenheit erlitt. Das AKW-Verbot, das seit der Inkraftsetzung der unseligen Energie-Strategie im Gesetz stand, ist gefallen.
- Es war ein reaktionäres, modernisierungsfeindliches Gesetz: Als hätte man im 18. Jahrhundert verboten, eine Dampfmaschine zu benutzen.
Der Nationalrat schloss sich damit dem Ständerat an und beschloss den Gegenvorschlag von Albert Rösti. Zuvor war dessen geschicktes Manöver noch gescheitert, weil – wie geschildert – der Nationalrat am Montag den Gegenvorschlag abgelehnt hatte – mit der durchsichtigen Begründung, man wollte noch mehr darüber wissen, ob der Bau von AKWs überhaupt finanzierbar wäre. Wenn es vordergründig auch um Kostenbewusstsein gegangen sein soll, hatte die Linke natürlich etwas anderes im Sinn: Die Beseitigung des AKW-Verbotes sollte um jeden Preis verhindert werden, indem man verzögerte, verschleppte und die Sache komplizierte.
- Nur die Mitte war darauf hereingefallen.
Gewiss, es wird ein Referendum geben und das Volk wird darüber endgültig befinden. Dass die Linke einen solchen Entscheid schon im Parlament vorwegzunehmen versuchte, verrät, wie unsicher sie ist. Offenbar rechnet sie selbst damit, dass das Volk realistischer sein könnte als die politische Elite in Bundesbern – und den Bau von Atomkraftwerken wieder ermöglichen möchte.
Wir kommen zurück zum Vorwurf des Verfassungsbruchs. Tatsächlich sollte kein Parlamentarier nach Instruktionen stimmen, und die Linke reklamierte, Sormanni sei von der SVP instruiert worden, den Gegenvorschlag anzunehmen, statt sich zu enthalten, wie er das am Montag aus freien Stücken entschieden hatte.
- Gewiss, Sormanni wurde unter Druck gesetzt.
Doch sind das beileibe keine «Instruktionen», zumal darunter Anweisungen einer Behörde oder einer Regierung zu verstehen sind. Auch ein Unternehmen kann sich dessen schuldig machen, wenn es allenfalls eine finanzielle Abhängigkeit eines Politikers ausnützt. Wenn aber Thomas Aeschi (Fraktionschef der SVP) auf einen einredet: Ist das eine Instruktion?
- Natürlich nicht.
- Wie das kaum jemand besser weiss als die Linke.
Zumal niemand geschlossener abstimmt als die SP, wie die Statistik belegt: in 90-95 Prozent der Fälle ist sich die Fraktion gleicher Meinung. Keine Partei bringt es fertig, so einhellig aufzutreten.
Geschieht das alles ohne jeden Zwang? Wird in der von gegenseitiger Nächstenliebe geprägten SP nie gedroht, nie mit Stahlruten überzeugt, nie ein Nachteil in Aussicht gestellt? Mumpitz.
- Niemand beherrscht die Kunst der Fraktionsdisziplin besser als die Linke, die europaweit auf eine lange Tradition des Parteisoldatentums zurückblickt. Und ohne ein strenges Wort ab und zu ist das nicht zu erreichen.
Erst vor wenigen Wochen hat die gleiche SP ihrem allerseits beliebten Zürcher Ständerat Daniel Jositsch die Wiederwahl verweigert, weil er leider «nur» in 80 Prozent der Entscheide im Parlament auf Parteilinie geblieben war.
- Auch Heuchler müssen sterben.
Zur Sache: Dass die SP jetzt ein Skandälchen und ein Verfassungsbrüchlein moniert, hat etwas Verzweifeltes. Ganz offensichtlich hat sie keine besseren Argumente.
Und es stimmt ja. Wer, wie die SP den Klimawandel fürchtet, kann gar nicht anders, als auf die CO2-freie Atomkraft zu setzen. Alles andere ist unglaubwürdig. Das ahnt die SP wohl – umso empörter hält sie an ihrer Unglaubwürdigkeit fest. Es ist eine klassische Projektion.
Atom. Atom. Atom.
Oder um es mit dem konservativen amerikanischen Publizisten Henry Louis Mencken zu sagen:
«Der Moralist ist meist nur ein Heuchler, der Glück gehabt hat.»
Ich wünsche Ihnen einen radioaktiven Tag.
Markus Somm
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