Die Fakten: Chinas Wirtschaft wächst langsamer, die Bevölkerung altert, das Finanzsystem ächzt, der Konsum stottert, der Ruf des Landes leidet.
Warum das wichtig ist: China ist die Sensation des 21. Jahrhunderts. Nun steckt es in der Krise. Ist sein Modell überholt?
In einem bemerkenswerten Aufsatz in der Zeitschrift Foreign Affairs, der Hauspostille sozusagen des aussenpolitischen Establishments der USA, hat die italienisch-britische Wissenschaftlerin Francesca Ghiretti die interne Lage Chinas analysiert. Ghiretti arbeitet in der europäischen Filiale der RAND Corporation, einem Think Tank, der weitgehend vom Pentagon finanziert wird.
Bemerkenswert, weil Ghiretti so gar nicht diese schönfärberische oder sagen wir: geblendete Darstellungvon China teilt, wie sie so manche Manager und Unternehmer, auch schweizerische, verbreiten:
- China macht alles richtig, weil es sooo langfristig plant. Ob Wirtschaft und Technologie, ob Aussenpolitik oder Militär: Hier wird rational analysiert und dann ohne Verzug umgesetzt. Das Imperium der klugen Technokraten.
- Demgegenüber steht der Westen, dekadent und demokratisch, also unberechenbar. Insbesondere die Amerikaner hetzen von Quartal zu Quartal, lösen Zollkriege und richtige Kriege aus, wann immer es dem Bewohner des Weissen Hauses gefällt, während die Chinesen auf Stabilität, friedliches Zusammenleben der Völker setzen, und ja: Wenn sie auch aufrüsten wie verrückt – expansivwaren sie doch noch nie.
- Kurz: China, Du hast es besser – um ein uraltes, aber hellsichtiges Zitat von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1827 leicht abzuwandeln. Er sprach damals natürlich von Amerika.

Ghiretti vermag den milden China-Optimismus nicht ganz nachzuvollziehen – und stützt sich dabei ausgerechnet auf die offiziellen Berichte der Chinesen selbst. Ghiretti gilt als China-Kennerin, sie spricht Mandarin. In ihren eigenen Studien erzählen die Chinesen recht offen von ihren Sorgen und Miseren, und das muss man anerkennen: durchaus ungeschminkt.
- Die Wirtschaft wächst zu schwach – in einem Land, wo der Wohlstand einem Regime Legitimität verschaffen muss – zumal es sich dem politischen Wettbewerb, wie er in einer Demokratie herrschen würde, und dem damit verbundenen Urteil der Bevölkerung entzieht.
- Zwar ist es den chinesischen Kommunisten gelungen, einige Schlüsseltechnologien der Zukunft korrekt zu erkennen – KI, Atomkraftwerke, Pharma – und staatlich zu fördern, doch in anderen Gebieten befürchten sie, ins Hintertreffen geraten zu sein: wie etwa Halbleiter der jüngsten Generation, Industriesoftware oder Präzisionsfertigungsanlagen. Xi Jinping, der faktische Diktator des Landes, hat angekündigt, sich dieser Defizite anzunehmen.
- Das Finanzsystem steht unter erheblichem Druck. Stichworte: Immobilienkrise, die enorme staatliche Verschuldung in den Provinzen, ebenso die prekäre Verfassung der Regionalbanken, die um die vielen ausstehenden Hypotheken zittern, schliesslich sinken in manchen Bereichen die Preise, so dass man von Deflation reden muss.
- Last but not least: Donald Trump und die Folgen. Seine Zölle musste er zwar zurücknehmen, nachdem sich China erfolgreich mit Gegenmassnahmen gewehrt hatte, dennoch löste er ein Umdenken nicht nur in den USA, sondern auch in der EU oder in Indien und Lateinamerika aus. Manche Länder sind aufgewacht: Der besinnungslose und überrissene Export der Chinesen, der mit Subventionen und anderen unerlaubten Mittelchen angetrieben wird, stösst zunehmend auf Widerstand.
- Da die Chinesen notorisch zu wenig selbst konsumieren, kommt dem ständig wachsenden Export eine fast existenzielle Bedeutung zu. Kann die chinesische Industrie ihre Produkte nicht im Ausland absetzen, bleibt sie auf ihrer Ware sitzen – und dem chinesischen Wirtschaftsmodell geht recht eigentlich die Puste aus. Mit gefährlichen sozialen und politischen Implikationen.
Wenn auch die Selbstdiagnose der Chinesen zutrifft und wie erwähnt: schmerzfrei vorgenommen wird, bleiben die gleichen Chinesen an der Oberfläche, wenn es darum geht, die Ursachen zu ergründen.
- Meistens schreiben sie diese Schwierigkeiten der besonderen Übergangsphase des «Sozialismus» zu, in der sich das Land befinden soll – offensichtlich glauben die führenden Leute in Peking nach wie vor ans marxistische Evangelium.
- Oder sie machen das Ausland dafür verantwortlich, das aus Neid und Missgunst den Chinesen das Leben schwer mache – wofür es ja, wie erwähnt, durchaus Anzeichen gibt.
Trotzdem greift das alles kurz. In den Augen von Ghiretti sind es die strukturellen Rahmenbedingungen, die sich das Regime selbst gegeben hat, die das chinesische Erfolgsmodell untergraben.
- Sobald es hart auf hart kommt, setzt dieses Regime auf den Staat – und nicht auf den Markt. Wobei es fast humorig ist, dass man das betonen muss, immerhin handelt es sich um ein kommunistisches Land nach wie vor.
- Die Chinesen intervenieren in den Markt, und stellen ganz erstaunt fest, dass sie ihren Nöten nicht entkommen. Die meisten Interventionen führen nicht zum Ziel. Oder um es mit dem alten Freisinn zu sagen: «Mehr Freiheit, weniger Staat» würde eher helfen.
- Was ihnen unter dem grandiosen Reformer Deng Xiaopingeben gerade klar war: Dass etwas mehr Markt, etwas mehr Privateigentum dem Land ein ungeheures Wachstum ermöglicht haben – und nicht der Sozialismus und auch nicht der alte, bärtige Marx. Unter Xi Jinping, dem eher restaurativen Mao-Bewunderer, haben sie das wieder vergessen.
Es ist paradox: Je mehr das Regime die Bise spürt, desto mehr vertraut sie auf den Staat, ohne sich bewusst zu sein, dass gerade der Staat die ungünstigen Winde ausgelöst hat.
Ghiretti vergleicht China mit anderen grossen Reichen der Geschichte – und hier wird es besonders interessant – wie etwa dem British Empire oder der Sowjetunion, die allein wegen ihrer Grösse und ihres vergangenen Erfolgs ausserstande waren, sich strukturell zu erneuern.
Liest man sie richtig, auch wenn sie explizit nicht so sagt, dann sieht sie eher schwarz, was die Zukunft Chinas anbelangt. Der Etatismus, der Sozialismus verbunden mit etwas Markt, das alte Modell, hat wohl ausgespielt, zumal der Markt immer mehr zurückgedrängt wird.
Deng Xiaoping war da pragmatischer. Ob Markt oder Sozialismus, das war ihm einerlei, er gab sich farbenblind:
«Es ist egal, ob die Katze schwarz oder weiss ist – Hauptsache, sie fängt Mäuse.»
Ich wünsche Ihnen ein geruhsames Wochenende
Markus Somm
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