Inzwischen dauert der Krieg in der Ukraine länger als der Erste Weltkrieg. Hätte uns das jemand vor fünf Jahren prophezeit, er wäre für verrückt erklärt worden. Damals rechnete niemand mit einem Krieg in Europa – woran wir uns seit 1989 gedankenlos gewöhnt hatten. Wenn auch, was wir gerne übersehen, in dieser Zeit in Jugoslawien einer der blutigsten Bürgerkriege ausgetragen worden war, und die Russen da und dort in ihren ehemaligen sowjetischen Gebieten militärisch eingegriffen hatten, als wäre das weiterhin ihr gutes Recht. Warum auch nicht? Niemand im Westen nahm davon Notiz. Schulterzucken, Desinteresse, Friedenstrunkenheit.
Nun ist der Krieg zurück auf unserem Kontinent. Irgendwie wollen wir es nach wie vor nicht wahrhaben. Wir sitzen so unbetroffen da wie die drei Affen, wo der eine sich den Mund zuhält, der andere die Ohren und der Dritte sich die Augen verdeckt. Dabei hilft, dass die Ukraine halt doch weit weg liegt, und deren Bewohner uns fremd geblieben sind, obwohl so viele von ihnen seither als Flüchtlinge unter uns leben. Das Einzige, das uns auffällt, sind das Autokennzeichen (UA) und allenfalls die etwas provokative Grösse ihrer Autos (SUV). Sollte es ihnen nicht schlechter gehen?
Wenn wir uns fragen, wie lange dieser Krieg in Osteuropa noch dauert, oder ob er sich gar auf andere Regionen ausdehnt, dann sind wir so ratlos wie die Zeitgenossen etwa im Sommer 1918. Kaum jemand erwartete damals, dass der Grosse Krieg im November vorüber sein würde, und keiner ahnte, dass gut 20 Jahre später ein noch furchtbarerer Krieg über Europa hereinbrechen würde.

Wozu dieses Werweissen? Weil es uns demütiger machen sollte – und vernünftiger. Nicht alles ist planbar, regulierbar und beherrschbar – eine Haltung, die sich in den vergangenen 30 Jahren viel zu unhinterfragt in unserer Politik breitgemacht hatte. Klimawandel? Wir bringen es fertig, ihn aufzuhalten, auf das Celsius-Grad genau. Soziale Verwerfungen? Wir haben einen Sozialstaat, der vor jeder menschlichen Tragödie bewahrt. Wirtschaftswachstum? Es kommt zustande, selbst wenn wir alles tun, um es zu bekämpfen, weil wir uns neben dem Wohlstand auch gerne ein gutes grünes Gewissen leisten.
Der Mensch, der sich anmasst, die Welt besser zu verwalten, als Gott das kann, den wir längst in den verdienten Ruhestand verabschiedet haben. Der übergeschnappte Mensch. So würde ich uns beschreiben. Und so werden wir scheitern – sollten wir nicht mehr bescheidener, das heisst, realistischer, werden.
Nicht alles ist möglich. Nicht alles gelingt. Nicht immer lacht uns das Glück. Deshalb befassen wir uns in diesem Nebelspalter mit dem endlosen Krieg, der hier und jetzt tobt, dort und für immer.
Ich wünsche Ihnen trotzdem eine entspannte Lektüre.
«Die Schweiz rüstet auf»
In der neuesten Ausgabe des Nebelspalter-Magazins geht es um die Schweiz im Ernstfall: Ein satirischer Blick auf Krieg und Frieden. Während Europa aufrüstet und der Krieg in der Ukraine kein Ende findet, fragt der Nebelspalter: Ist die Schweiz bereit für ein Kriegsszenario? Wie viele Raviolidosen lagern Sie im Keller? Und funktioniert Neutralität auch als Schutzschild gegen Drohnen?