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Deutschland wird aus der WM geworfen. Ist es nicht symbolisch? Ein Land im Niederlagen-Modus.

Der vorzeitige Ausstieg der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft wird als symptomatisch für den allgemeinen Verfall Deutschlands interpretiert, der sich in einer fehlenden Leistungskultur und einer unangemessenen Reaktion der politischen und sportlichen Führungsspi ...

Deutschland wird aus der WM geworfen. Ist es nicht symbolisch? Ein Land im Niederlagen-Modus.
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Die Fakten: Deutschland scheidet erneut früh aus einer Fussballweltmeisterschaft aus. Es ist das dritte Mal in Folge.

Warum das wichtig ist: Natürlich gibt es keinen Zusammenhang. Und doch passt diese Niederlage zum Zustand eines einmal grossen Landes.

Selten habe ich einen Politiker erlebt, der so konsequent das Falsche sagt, selbst wenn es kinderleicht wäre, den richtigen Ton zu treffen:

Inzwischen wissen alle, wie dieser Politiker heisst: es ist Friedrich Merz, Bundeskanzler und ein Virtuose einer Krisenkommunikation, die jede Krise verschärft und ihn selbst in den Mittelpunkt der Krise stellt, selbst wenn er davon gar nicht betroffen war.

Nach einem jämmerlichen Spiel und einer erbärmlichen Reaktion des Verantwortlichen (Julian Nagelsmann, er denkt nicht an Rücktritt) ist «stolz», wohl das letzte Wort, das einem in den Sinn kommt, es sei denn man arbeitet in der Kommunikationsabteilung der aktuellen Bundesregierung.

Wenn die gleichen Leute am 8. Mai 1945 einen Tweet abgesetzt hätten, wäre der vielleicht so herausgekommen:

Natürlich reden sich nun Merz’ Kommunikationsexperten heraus: Es handle sich um einen Post, der nur aus Versehen verbreitet worden sei. Ein Sprecher hält fest:

OK, mag sein, dass das stimmt, wobei man sich fragt, ob diese eher unbeholfene Ausflucht die Sache nicht noch schlimmer macht: 

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Armes Deutschland.

Gewiss, der Zustand seiner Regierung und seiner Wirtschaft hat nichts mit der bemitleidenswerten Performance seiner Fussballer zu tun. Und dennoch drängt sich Nostalgie auf.

Als Deutschland unter seiner Führung an der WM 1994 in den USA schon im Viertelfinal ausschied, war die Hölle los, und manch ein Deutscher wollte Vogts dort schmoren sehen. Er selbst, ein Mann aus sehr einfachen Verhältnissen, wehrte sich zwar dagegen, geradeso wie jetzt Nagelsmann. Nie wäre ihm allerdings eingefallen, das so arrogant, so snobistisch, so unbelehrbar zu tun. Vogts war klar, dass es ein Leistungsprinzip gab, und er dem nicht nachgekommen war. Er litt sichtlich. Er kroch zu Kreuze. Und man gab ihm noch einmal vier Jahre. Wofür sich sogar der damalige Bundeskanzler eingesetzt hatte, er hiess Helmut Kohl und war ein Gigant. 1998 schied Deutschland an der WM in Frankreich abermals zu früh aus. Nun musste Vogts gehen.

Im Alter von 12 Jahren hatte er seine Mutter verloren (Leukämie), kurz darauf auch den Vater (Herz), einen Schuhmacher, so dass er als Vollwaise bei einer Tante aufwuchs, wo es an Geld und wohl auch Zuneigung mangelte. Er absolvierte eine Lehre als Werkzeugmacher und wäre das womöglich für immer geblieben, hätte ihm Gott nicht ein überragendes Talent geschenkt: Er machte eine glänzende Karriere als Fussballer, dann als Trainer.

Dass ihn die Journalisten nie respektierten – besonders als Bundestrainer nicht, da er kaum dem Bild des «Bundestrainers» entsprach – in Deutschland einer Art Bundeskanzler des Sports; dass sie ihn gerne unterschätzten, weil sie den Werkzeugmacher aus Kleinenbroich unter dem schlichten Trainingsanzug rochen, den er so oft vorzog: Vogts litt auch darunter. Er trug es tapfer.

Von Tapferkeit oder Bescheidenheit ist bei Nagelsmann dagegen nichts zu spüren. Er gleicht da dem ganzen Land: Man lebt vom guten Ruf der Vergangenheit, ohne in der Gegenwart viel zu dessen Mehrung beizutragen.

Anders als beim melancholischen Vogts, dem die öffentliche Kritik zusetzte und der sich einen Kopf machte, warum er denn gescheitert war, erhält man bei Nagelsmann den gegenteiligen Eindruck: Kritik nimmt er nicht wahr. Versteht er sie eigentlich? Zweifel sind erlaubt.

Zumal er ganz überrascht scheint, dass Kritik aufkommt, wenn er nicht gar findet, die Deutschen müssten sich bei ihm entschuldigen, dass sie so unverschämt sind, ihn überhaupt zu kritisieren. 

Damit offenbart er, wie perfekt er den Zeitgeist in Deutschland, aber auch im Westen zu lesen vermag:

«Wir sind stolz auf euch».

Wenn Friedrich Merz etwas beherrscht, dann die Kunst, dem gleichen dekadenten Zeitgeist nachzuplappern

Immerhin ein Trost bleibt Merz: Wenn er am Ende die nächsten Wahlen verliert, merkt er es gar nicht. Er wird als Sieger in die Geschichte eingehen.

1974, nachdem Deutschland zum zweiten Mal Weltmeister geworden war, und Vogts als Spieler Entscheidendes dafür geleistet hatte, meinte er in einem Interview:

«Heute sagt man: Wir sind Weltmeister geworden, weil ich Johan Cruyff [der beste Spieler des Gegners Holland] ausgeschaltet habe. Nein, die ganze Mannschaft hat das Spiel gewonnen, und ich war Teil davon. Ich hatte eine Aufgabe, die habe ich erfüllt – und fertig.»
 

Ich wünsche Ihnen einen runden Tag
 

Markus Somm

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