Die Fakten: Deutschland scheidet erneut früh aus einer Fussballweltmeisterschaft aus. Es ist das dritte Mal in Folge.
Warum das wichtig ist: Natürlich gibt es keinen Zusammenhang. Und doch passt diese Niederlage zum Zustand eines einmal grossen Landes.
Selten habe ich einen Politiker erlebt, der so konsequent das Falsche sagt, selbst wenn es kinderleicht wäre, den richtigen Ton zu treffen:
- «Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel», schrieb dieser Politiker, kurz nachdem Deutschland gegen Paraguay den Sechzehntelfinal an der WM verloren hat.
- «Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert.»
- «Wir sind stolz auf euch.»
Inzwischen wissen alle, wie dieser Politiker heisst: es ist Friedrich Merz, Bundeskanzler und ein Virtuose einer Krisenkommunikation, die jede Krise verschärft und ihn selbst in den Mittelpunkt der Krise stellt, selbst wenn er davon gar nicht betroffen war.
- Deutschland schäumt. Zu Recht.
Nach einem jämmerlichen Spiel und einer erbärmlichen Reaktion des Verantwortlichen (Julian Nagelsmann, er denkt nicht an Rücktritt) ist «stolz», wohl das letzte Wort, das einem in den Sinn kommt, es sei denn man arbeitet in der Kommunikationsabteilung der aktuellen Bundesregierung.
Wenn die gleichen Leute am 8. Mai 1945 einen Tweet abgesetzt hätten, wäre der vielleicht so herausgekommen:
- «Auch wenn die bedingungslose Kapitulation schmerzt: Was für ein Krieg. Mit eurem Einsatz und Teamgeist habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.»
Natürlich reden sich nun Merz’ Kommunikationsexperten heraus: Es handle sich um einen Post, der nur aus Versehen verbreitet worden sei. Ein Sprecher hält fest:
- «falscher Tweet, falscher Zeitpunkt, falscher Knopf».
OK, mag sein, dass das stimmt, wobei man sich fragt, ob diese eher unbeholfene Ausflucht die Sache nicht noch schlimmer macht:
- Die gleiche Bundesregierung, die bisher keine einzige nennenswerte Reform zustande gebracht hat, die über eine Volkswirtschaft wacht, die seit Jahren kaum mehr wächst, sieht sich auch ausserstande, den richtigen Tweet via den richtigen Knopfdruck zu verbreiten.
- Wie soll da Deutschland in Sachen KI die Zukunft bewältigen?

Armes Deutschland.
Gewiss, der Zustand seiner Regierung und seiner Wirtschaft hat nichts mit der bemitleidenswerten Performance seiner Fussballer zu tun. Und dennoch drängt sich Nostalgie auf.
- Erinnern Sie sich an Berti Vogts?
- Er war von 1990 bis 1998 Bundestrainer der deutschen Fussballnationalmannschaft.
Als Deutschland unter seiner Führung an der WM 1994 in den USA schon im Viertelfinal ausschied, war die Hölle los, und manch ein Deutscher wollte Vogts dort schmoren sehen. Er selbst, ein Mann aus sehr einfachen Verhältnissen, wehrte sich zwar dagegen, geradeso wie jetzt Nagelsmann. Nie wäre ihm allerdings eingefallen, das so arrogant, so snobistisch, so unbelehrbar zu tun. Vogts war klar, dass es ein Leistungsprinzip gab, und er dem nicht nachgekommen war. Er litt sichtlich. Er kroch zu Kreuze. Und man gab ihm noch einmal vier Jahre. Wofür sich sogar der damalige Bundeskanzler eingesetzt hatte, er hiess Helmut Kohl und war ein Gigant. 1998 schied Deutschland an der WM in Frankreich abermals zu früh aus. Nun musste Vogts gehen.
- Berti, der Bescheidene.
Im Alter von 12 Jahren hatte er seine Mutter verloren (Leukämie), kurz darauf auch den Vater (Herz), einen Schuhmacher, so dass er als Vollwaise bei einer Tante aufwuchs, wo es an Geld und wohl auch Zuneigung mangelte. Er absolvierte eine Lehre als Werkzeugmacher und wäre das womöglich für immer geblieben, hätte ihm Gott nicht ein überragendes Talent geschenkt: Er machte eine glänzende Karriere als Fussballer, dann als Trainer.
Dass ihn die Journalisten nie respektierten – besonders als Bundestrainer nicht, da er kaum dem Bild des «Bundestrainers» entsprach – in Deutschland einer Art Bundeskanzler des Sports; dass sie ihn gerne unterschätzten, weil sie den Werkzeugmacher aus Kleinenbroich unter dem schlichten Trainingsanzug rochen, den er so oft vorzog: Vogts litt auch darunter. Er trug es tapfer.
Von Tapferkeit oder Bescheidenheit ist bei Nagelsmann dagegen nichts zu spüren. Er gleicht da dem ganzen Land: Man lebt vom guten Ruf der Vergangenheit, ohne in der Gegenwart viel zu dessen Mehrung beizutragen.
- Man gibt sich zufrieden, obwohl man versagt.
Anders als beim melancholischen Vogts, dem die öffentliche Kritik zusetzte und der sich einen Kopf machte, warum er denn gescheitert war, erhält man bei Nagelsmann den gegenteiligen Eindruck: Kritik nimmt er nicht wahr. Versteht er sie eigentlich? Zweifel sind erlaubt.
Zumal er ganz überrascht scheint, dass Kritik aufkommt, wenn er nicht gar findet, die Deutschen müssten sich bei ihm entschuldigen, dass sie so unverschämt sind, ihn überhaupt zu kritisieren.
- Wer kann denn Fussball – ausser ihm?
- Wer hatte denn die Götter und den Schiedsrichter gegen sich – eben?
Damit offenbart er, wie perfekt er den Zeitgeist in Deutschland, aber auch im Westen zu lesen vermag:
- Zwar redet man fast zu gerne von Fehlern, die Konsequenzen daraus zieht man aber eher ungern – also nicht.
- Vom Leistungsprinzip will man nichts mehr wissen: Wer versagt, hat seine guten Gründe dafür. Man muss ihn als Opfer betreuen, statt ihn zum Teufel zu jagen.
«Wir sind stolz auf euch».
Wenn Friedrich Merz etwas beherrscht, dann die Kunst, dem gleichen dekadenten Zeitgeist nachzuplappern.
- Wer verliert, ist doch ein Gewinner.
Immerhin ein Trost bleibt Merz: Wenn er am Ende die nächsten Wahlen verliert, merkt er es gar nicht. Er wird als Sieger in die Geschichte eingehen.
- Übrigens verdient Julian Nagelsmann laut Medienberichten pro Jahr rund 7 Millionen Euro für seine Bemühungen.
- Berti Vogts gab sich mit 250'000 Euro zufrieden.
1974, nachdem Deutschland zum zweiten Mal Weltmeister geworden war, und Vogts als Spieler Entscheidendes dafür geleistet hatte, meinte er in einem Interview:
«Heute sagt man: Wir sind Weltmeister geworden, weil ich Johan Cruyff [der beste Spieler des Gegners Holland] ausgeschaltet habe. Nein, die ganze Mannschaft hat das Spiel gewonnen, und ich war Teil davon. Ich hatte eine Aufgabe, die habe ich erfüllt – und fertig.»
Ich wünsche Ihnen einen runden Tag
Markus Somm
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