Die Fakten: Amerika entstand 1776 als eine Republik. Dafür war auch die Schweiz verantwortlich. Zwingli und Calvin waren entscheidend.
Warum das wichtig ist: Ohne Schweiz kein Amerika. Teil II.
Als die Amerikaner 1776 ihre Republik gründeten, eine Demokratie, die auf die Selbstregierung setzte, wären sie wohl nie auf diese Idee gekommen, wenn sie sie nicht schon vorher gekannt hätten.
Zwar unterstanden die 13 Kolonien der britischen Krone, und der König schickte seine Gouverneure, die wie kleine Vize-Könige – je nach Kolonie – absolutistisch herrschten, doch im Kommunalen pflegten die Kolonisten oft eine lokale Demokratie – vor allen Dingen in Neuengland, dem Epizentrum der späteren Rebellion gegen die Briten. Sie wählten ihre Bürgermeister und Richter, sie stimmten in sogenannten Townhall Meetings über die wichtigen Fragen des Tages ab, sie versammelten sich zu einer Art Landsgemeinde, wie sie sonst nur in der Eidgenossenschaft gebräuchlich war.
Dass sie das so selbstverständlich taten, hatte zum Teil mit politischen Traditionen zu tun, die sie aus ihrem Mutterland, England, mitgebracht hatten, zum wesentlicheren Teil lag es an der Art und Weise, wie sie ihre Kirchen organisierten, allesamt so gut wie durchgehend protestantischer Konfession, genauer: es waren reformierte Kirchen – nicht lutherische, die das frühe, koloniale Amerika bestimmten.
Zumal die Lutheraner in Amerika unerwünscht waren. Man hielt sie lange – bis ins 19. Jahrhundert – fern und hinderte sie sogar noch systematischer an der Einwanderung als die Katholiken. Wenn Protestanten hassten, dann richtig, und niemanden hassten sie mehr als andere Protestanten, die leicht von der aus ihrer Sicht richtigen Lehre abwichen: Die Reformierten verabscheuten die Lutheraner – und umgekehrt, und alle beide verfolgten die Wiedertäufer, die Quäker, die Methodisten, Baptisten und alle anderen Dissenters.
Die reformierten Kirchen unterscheiden sich in manchen theologischen Fragen von den Lutheranern (und Anglikanern), aber auch in organisatorischen, kirchlichen, und darauf kommt es hier in diesem Zusammenhang an:
- Die Reformierten haben keine Bischöfe,
- sie lehnen die Monarchie in der Kirche ab, wie sie die römisch-katholische Kirche auszeichnet, aber auch die Church of England oder die lutherischen Kirchen.
- Stattdessen ziehen die Reformierten die kirchliche Selbstregierung vor.
Man spricht vom synodalen Prinzip, weil hier Synoden die Kirche führen, eine Art Parlament, wo alle Kirchenmitglieder mit Stimmrecht vertreten sind.
Manchmal kommt den Ältesten, den sogenannten Presbytern eine hervorgehobene Rolle zu, zuweilen der Gemeinde allein, vielfach wird das gemischt, immer aber gilt ein republikanischer Ansatz:
- Die Synode (oder die Ältesten) wählt die Pfarrer, sie verwaltet das Budget und führt die Kirche, ja gelegentlich klärt sie gar theologische Fragen.
Gewiss, auch die Lutheraner unterhalten Synoden, aber immer in Kombination mit einem Bischof, der wiederum dem Landesherrn unterstellt war, ob wir das nun in Deutschland oder in Skandinavien betrachten. Der preussische König war Oberhaupt der evangelischen Landeskirche geradeso wie der schwedische König der Kirche von Schweden als Schutzherr vorstand. Die lutherische Kirche blieb monarchisch, es handelte sich gewissermassen um konstitutionelle Monarchien.
Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Wir reden immer noch von der Kirchenorganisation, nicht von der weltlichen Politik.
Und doch hatte diese Kirchenorganisation der reformierten Kirchen ausserordentlich politische Auswirkungen. Zumal die Kirchen (neben den Armeen) lange die grössten Organisationen darstellten, mit denen die Menschen vertraut waren – grosse Unternehmen etwa, wie wir sie heute kennen, gab es nicht, und der Staat war in der Regel die Angelegenheit einer kleinen Elite.

Wenn wir uns daher fragen, warum die amerikanischen Kolonisten den Mut aufbrachten, ihre Republik nach dem Prinzip der Selbstregierung aufzubauen, dann lag es an den Erfahrungen, die sie in ihren Kirchen tagtäglich machten. Sie wussten, wie sich das anfühlt, wenn man sich selbst regiert.
Aber woher kannten die reformierten Kirchen überhaupt dieses synodale Prinzip, wo hatten sie diese Art der kirchlichen Selbstregierung gelernt?
- Aus der Eidgenossenschaft.
Genauer: die reformierten Kirchen waren seinerzeit, im frühen 16. Jahrhundert, in Zürich und in Genf entstanden, Zwingli und Calvin hatten die kirchliche Selbstregierung erfunden, weil sie – und jetzt kommt die Pointe – ihre Reformation in einem Land vollzogen, das selbst faktisch eine Republik war, wo die Selbstregierung seit dem 14. Jahrhundert vorgeherrscht hatte.
- Die republikanischen, demokratischen Verhältnisse in der eidgenössischen Politik war Vorbild für die reformierte, republikanische Kirche, die wiederum anderen republikanischen Staatswesen den Weg bahnte.
- Es war ein Tugendkreis.
Deshalb kann man den indirekten Beitrag der Schweiz an die Gründung Amerikas kaum überschätzen. Er stellte sich als eine conditio sine qua non heraus, als unverzichtbare Voraussetzung. Ohne reformierte Kirchen, wie sie insbesondere die Puritaner, also die englischen Calvinisten, nach Neuengland gebracht hatten, wäre es den Amerikanern ungleich schwerer gefallen, sich auch politisch für die Selbstregierung zu entscheiden und diese durchzusetzen. Man kannte sie aus der Kirche, sie hatte sich bewährt.
Was aus einem anti-feudalistischen Reflex hervorgegangen war, wie er in Europa fast allein den Eidgenossen eigen war, der dezentrale, mitunter fast anarchische Republikanismus, hatte sich in der reformierten Kirche fortgesetzt:
- Zwingli führte die synodale, also parlamentarische Verfassung in seiner Kirche ein,
- Calvin übernahm sie im Wesentlichen, schliesslich sollte sie weltweit alle reformierten Kirchen in der einen oder anderen Form prägen.
- Es handelt sich wohl um den grössten schweizerischen Exporterfolg aller Zeiten.
Diese zutiefst eidgenössische Auffassung der Selbstregierung: Sie fand ihren Weg nach Holland, nach England, nach Schottland, vor allen Dingen nach Amerika, mit unvorstellbaren Implikationen:
«Oft weisen die Engländer etwas eingebildet auf ihr Parlament als die ‹Mutter der Parlamente› hin und sehen darin den Ursprung des westlichen demokratischen Ideals», urteilt der renommierte britische Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch:
«Sie vergessen, dass ihr parlamentarisches System über weite Strecken seiner Geschichte wenig Demokratisches an sich hatte, wenn man es an modernen Standards misst, wogegen die synodale, repräsentative Form der kirchlichen Regierung im reformierten Christentum weit weniger dazu neigte, sich der etablierten gesellschaftlichen Hierarchie zu fügen, als dies bei den englischen Parlamentariern zu beobachten war. Das synodale Modell erhielt besondere Relevanz, als die Führer der Amerikanischen Revolution 1776 sich von der eigenen Erfahrung in ihren reformierten Kirchen inspirieren liessen, um neue Formen der politischen Regierung zu schaffen.»
Ohne Eidgenossenschaft kein Amerika, wie wir es kennen – könnte man etwas zugespitzt formulieren, aber nicht ganz unzutreffend.
Auf vielfachen Wunsch von Lesern, die mein gestriges Memo gelesen haben: Ich werde das Buch schreiben.
Titel: Without Switzerland no America, Stupid!
Ich wünsche Ihnen einen Schweizer Tag
Markus Somm
Wer es genauer er wissen will:
- Ich habe mich mit dem schweizerischen Beitrag an die Gründung Amerikas bereits – und ausführlicher – in meinem Buch über die Wirtschaftsgeschichte unseres Landes befasst: Warum die Schweiz reich geworden ist. Mythen und Fakten eines Wirtschaftswunders, Bern 2024, 4. Auflage.
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