Die Fakten: Amerika verdankte seine Demokratie 1776 auch der Schweiz. Diese war eine der wenigen Republiken jener Zeit.
Warum das wichtig ist: Ohne Schweiz keine Vereinigten Staaten – was verrückt klingt, hat einen wahren Kern. Eine Spurensuche.
Wenn ich meine amerikanischen Freunde jeweils so richtig amüsieren wollte, dann habe ich ihnen oft ein Buch angedroht, das zu schreiben ich mir vorgenommen habe. Titel:
- Without Switzerland no America, Stupid!
- Ohne Schweiz kein Amerika, Dummkopf!
Als weitere Titelvariante schlug ich auch vor:
- US History for Dummies. The Swiss Way.
- Amerikanische Geschichte für Anfänger, die Schweizer Methode.
Selbstverständlich lachten wir danach alle herzlich, man schlug sich gegenseitig auf die Schultern, niemand nahm mich ernst.
Dass ich recht hatte: Man räumte es erst zögerlich ein, wenn ich zu einem Vortrag über die Folgen der schweizerischen Reformation mit besonderer Berücksichtigung der Puritaner in Neuengland ansetzte. Mag sein, dass die Amerikaner, höflich wie sie sind und immer grosszügig, wenn es um ein kleines Land geht, das sie kaum kennen, mich keinesfalls vor den Kopf stossen wollten und deshalb gutmütig nickten; vielleicht erzählte ich auch dermassen langweilig, dass sie sich rechtzeitig vor einem achtstündigen Referat zu retten versuchten: Wer weiss. Jedenfalls löste ich in Amerika kein Umdenken aus.
- Amerika feierte am vergangenen Samstag, den 4. Juli, ihr 250-jähriges Jubiläum, ohne an den Schweizer Beitrag zu erinnern.
- Und ich schrieb dieses Buch bis heute nicht.
OK, werden wir sachlich.
Tatsächlich erwies sich die Schweizer Erfahrung in zweierlei Hinsicht als relevant für die Founding Fathers, wie die Amerikaner ihre Gründerväter mit Bewunderung und Respekt nennen. In diesem Memo konzentriere ich mich auf das Erstere: Die Schweiz als republikanisches Vorbild, in einem zweiten Memo gehe ich auf die religiösen Verbindungen der alten Eidgenossenschaft mit Amerika ein. Von Zwingli zu Jefferson – sozusagen.
Zunächst zum Thema Republik:
Als sich die amerikanischen Gründerväter Gedanken darüber machten, wie sie ihr neues Land organisieren könnten, studierten sie auch die Alte Eidgenossenschaft mit Interesse. Zumal für sie ausgemacht war, dass ihr Land eine Republik werden sollte. Vom englischen König, den sie gerade abgeschüttelt hatten, wollten sie verständlicherweise nichts mehr wissen, aber genauso wenig von einem neuen, allenfalls amerikanischen Monarchen.
Allerdings standen sie vor einem Dilemma: Wo waren die Vorbilder? Zu jener Epoche, 1776, gab es auf der Welt nicht so viele Republiken, von denen man hätte lernen können. Umso mehr – das vermag man sich heute kaum mehr vorzustellen – brauchte es viel Mut, ein nigelnagelneues Land auf dem Reissbrett zu entwerfen – und erst recht eine Republik. Das war unorthodox, das war ungewohnt, das war tollkühn. Herrschte nicht überall die Tradition? Und galten gerade die absolutistischen Monarchien der Epoche nicht als modern, ja als Höhepunkt der zivilisatorischen Entwicklung der Menschheit?

Modelle waren gefragt, die die vielen anti-republikanischen Skeptiker, Pessimisten und Nörgler zum Schweigen brachten. Drei standen zur Diskussion:
- Die Römische Republik rückte natürlich in den Vordergrund – hätte nicht die Tatsache etwas verunsichert, dass dieses Staatswesen vor fast 2000 Jahrenuntergegangen war. Gab es dafür womöglich einen guten Grund?
Dennoch lässt sich deren Einfluss bis heute erkennen – insbesondere in der zivilreligiösen Symbolik der amerikanischen Republik, sei das der Senat, den man nach dem Vorbild Roms schuf, oder die vielen politischen Leitsprüche, wie etwa «E pluribus unum» (aus vielen eines), der auf Münzen und Banknoten erscheint. Unübersehbar ist Roms Erbe, wenn wir die Architektur Washingtons bestaunen. Ob Kongress, Supreme Court oder andere Monumente: Sie gleichen Jupitertempeln und patrizischen Mausoleen. Wer die amerikanische Hauptstadt besucht, könnte manchmal meinen, er stünde auf dem Forum Romanum in der Neuen Welt. Es überwiegt der Klassizismus. Je mehr römische Säulen und je mehr Marmor, desto mächtiger der neue Staat, so glaubten die Amerikaner ganz offensichtlich.
- Ein zweites Vorbild bot die Republik von Venedig. Und im Gegensatz zum alten Rom bestand sie 1776 noch – und wie! Zwar dekadent und militärisch sowie politisch inzwischen unbedeutend, doch nach wie vor voller Glanz. Man feierte das ganze Jahr Karneval – so prächtig lebte man von den Errungenschaften der Vorväter. Wäre die dortige Aristokratie etwas weniger rückständig und blasiert gewesen: Vielleicht hätten die Founding Fathers gerne von den Venezianern mehr abgeschaut. Stattdessen gewannen sie an diesem Vorbild die Einsicht, dass eine allzu imperiale Expansion nicht empfehlenswert sei, zumal sie Venedig ruiniert hatte, als es bis nach Konstantinopel sein Seereich ausdehnte. Die frühen USA waren nicht zuletzt deshalb ausgeprägt anti-imperialistisch eingestellt. Imperien zerstören Republiken – davon waren sie lange überzeugt.
- So blieb die Schweiz als eine der wenigen existierenden Republiken im 18. Jahrhundert. Auch sie wies viele Schwächen auf, Oligarchien und demokratische Landsgemeinden regierten Seite an Seite, politisch war sie zerstritten und daher gelähmt, ebenso kurios schien die Tatsache, dass es kaum eine zentrale, gemeinsame Behörde gab. Alles in allem handelte es sich um ein Relikt des späten Mittelalters, dennoch hatte sie bis dato überlebt: Besonders die dezentrale Struktur, mithin der Föderalismus, stiessen auf das Interesse der Amerikaner, und die 13 Kolonien eiferten in dieser Hinsicht durchaus dem Modell der Eidgenossenschaft nach. Was die Amerikaner hingegen irritierte: Bewies die Schweiz möglicherweise, dass Republiken nur überdauerten, wenn sie klein genug blieben? Hiess es, auf historische Grösse zu verzichten?
Davon wiederum wollten die Amerikaner schon 1776 nichts hören.
Ohne die gigantischen Ausmasse des Kontinents auch nur annähernd zu kennen, geschweige denn ihn erschlossen zu haben, war ihnen nur zu bewusst, was an Potential vor ihnen lag. Sie gingen von Beginn davon aus, dass sie hier ein grosses, mächtiges Land gründeten. Die Schweiz mag eine Republik gewesen sein, das anerkannten die Amerikaner, doch so klein (und bedeutungslos) wollten sie nie werden.
Oder um es mit Margaret Thatcher, der grossen britischen Premierministerin, zu sagen:
«Europa wurde durch die Geschichte geschaffen. Amerika wurde durch Philosophie erschaffen.»
Ich wünsche Ihnen einen aufschlussreichen Tag
Markus Somm
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